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Klassische Musik und Oper von Classissima

Ludwig van Beethoven

Dienstag 28. März 2017


Crescendo

7. März

Wunderkind und Künstlergreis - Wunderkind

CrescendoSie werden ausgestellt wie Schlangenfrauen im Zirkus, die Wundermädchen und Wunderknaben. Lässt der „Kindheits-Hype“ nach, wird es schnell eng in der Künstlerluft über dem Mittelmaß. Endlich reif, angesehen und erfahren, verpassen viele den perfekten Moment, um zu gehen. Man muss jung sein, um große Dinge zu tun“, meinte Goethe im hohen Alter. „Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder“, wusste der jung verstorbene Kollege Schiller. Doch des Dichters weise Sprüche braucht es heute nicht. „Einst Prügel schon als Säugling“, hieß es 2014 in der „Welt“ recht flott, „später Freiheit bar jeder Autorität – und nun Förderung um jeden Preis.“ Bloß nichts zu verpassen, scheint die Devise unseres Zeitalters der Optimierung und maximalen Ausschöpfung von Ressourcen. Zeitfenster werden aufgestellt, die Eltern in Torschlusspanik versetzt. Bis zum vierten Lebensjahr sollte die Motorik ausgereift sein und eine zweite Sprache dazukommen. Eine Musikerkarriere startet am besten zwischen dem dritten und dem zehnten Lebensjahr. Hochbegabte Kinder spüren, was das bedeutet. Üben, üben, üben, um die Erwartungen und Projektionen des Publikums zu erfüllen, die Ahnung von etwas Höherem. „Heute hast Du wieder bewiesen, dass es einen Gott im Himmel gibt“, schrieb Albert Einstein dem 13-jährigen Yehudi Menuhin. Thomas Mann widmete dem neunjährigen Klaviertalent Loris Margaritis, das er 1903 in einem Konzert in München erlebte, eine ganze Erzählung („Das Wunderkind“). „Und der Applaus bricht los, einmütig, gerührt, begeistert …“, heißt es dort. „Bravo, kleiner Saccophylax … ein Teufelskerl!“ mit dem „harmloseste(n) Kindergesichtchen von der Welt“. Jung, schön und genial. Das hat Sexappeal. Nicht für Mitsuko Uchida. Eine seltsame Vorliebe sei es, wenn hochbegabte Kinder so bestaunt werden wie Schlangenfrauen oder Tellerwerfer im Zirkus. „Fragen Sie das Publikum doch einmal, ob es vor Gericht von einem Siebenjährigen vertreten oder von einem sehr begabten Achtjährigen operiert werden will.“ Weder Uchida noch andere konnten als Kind mit einer „Instantkarriere“ dienen. Und sind nicht traurig darüber. „Wunderkindkrankheit“ beschrieb Jascha Heifetz, selbst ein Wunderkind, die Zusammenbrüche der jungen Kollegen, die den Sprung zum bewussten Künstler nicht schafften und verzweifelten, weil sich die Verzauberung des Publikums neuen Wundern zuwendete. „Bei uns geht es nicht um Fähigkeiten“, sagt der Geiger Christian Tetzlaff, „sondern ums Erzählen von Inhalten … Bei einem Kind kann man noch gar nicht wissen, ob es nur gut imitieren kann oder ob es wirklich darauf brennt, Musik zu erzählen.“ Das brauche Zeit. Beharrliche Aufbauarbeit aber zahle sich aus. Aus der Sicht des Musikers. Nicht aber der Manager, die gerne Karrieren im Prestissimo planen. Heute Konservatorium, morgen die Met. „Leider werden die meisten Talente zu früh entdeckt und zu Tode vermarktet“, beklagt Jan Vogler. Ingolf Turban stellt fest: „Es ist erschütternd, was da mit Kindheiten angestellt wird, wie Begabung zur Schau gestellt und missbraucht wird. Kommt das Kind dann in die Pubertät, kracht es oft ins Vakuum zusammen. Für die Scherben interessiert sich dann niemand mehr.“ Und auch der – noch junge – Geiger Renaud Capuçon warnt: „Die Gefahren für einen jungen Musiker sind heute sehr groß, es gibt die sozialen Netzwerke, die ihnen das Gefühl vermitteln, sehr rasch sehr bekannt zu sein, entsprechend der Anzahl ihrer ,Freunde‘ auf Facebook oder Twitter oder Instagram. Die Gefahren liegen auch im Anreiz dessen, was glänzt.“ Frei nach Georg Christoph Lichtenberg: „Der Mensch ist verloren, der sich früh für ein Genie hält.“ Andererseits: Was wäre Jugend ohne Begeisterung? Ohne die Zuversicht, es auf alle Bühnen der Welt zu schaffen? Wohl wie das Alter ohne Erfahrung. Und der Musikbetrieb in Deutschland nährt ja jede Hoffnung. Kein Konzerthaus mehr ohne Bühne für „Junge Wilde“, kein Opernhaus mehr ohne Opernstudio, keine Stiftung, Bank oder Konzern, die nicht einen Preis, ein Stipendium ausschreibt. Ein Wettbewerb jagt den nächsten, ob in Brüssel, München, Cardiff oder Bamberg, von „Jugend musiziert“ über den ARD-Wettbewerb bis hin zum Young Singers Project der Salzburger Festspiele. Agenten, Journalisten befördern das Geschäft. Sie alle wollen die Sensation: den neuen Horowitz, Caruso und Co. Bitter also, wenn man mit Anfang 30 trotz Auszeichnungen, unzähliger Probespiele und verschickter Demotapes an Agenten und Plattenfirmen manchmal vom letzten Wettbewerbsgeld lebt. „Ich habe nie über Alternativen nachgedacht“, sagt eine junge Musikerin, die ihren Namen nicht nennen möchte. „Mit 15 war klar, dass ich Musik studieren werde. Natürlich bleiben Leute auf der Strecke, mir passiert das aber nicht, dachte ich.“ Vielleicht nicht gut oder attraktiv genug? Keine Lobby, kein Geld hinter sich? Die gnadenlose Konkurrenz? Schließlich steht dem eklatanten Nachwuchsmangel an den Musikhochschulen der 1960er heute ein Überangebot gegenüber. „Tausend schöne, täuschende Genien umschweben unsere Jugend. Nach und nach entschwindet das Gedränge, und die Aussicht wird freier. Das nennen wir dann Erkenntnis“, könnte man mit dem Aphoristiker und Pädagogen Johann Jakob Mohr meinen, der dies im 19. Jahrhundert schrieb. „Letztlich entscheidet das Schicksal, die Vorsehung oder der liebe Gott über eine Karriere“, sagt Gustav Kuhn, Leiter der Tiroler Festspiele und des Wettbewerbs Neue Stimmen der Bertelsmann-Stiftung. Aus Japan, dem Land der Wunderkinder (!), kommt das Sprichwort: Ein 10-jähriges Wunderkind wird zu einem 15-jährigen Talent, bevor es 20-jährig dem Mittelmaß angehört. In Japan mag dies einem Gesichtsverlust gleichkommen, aber in Deutschland? Was spricht gegen das Glück in der Mitte? Die meisten Musiker hier sind keine Superstars, aber auch keine hungernden Künstler. In Deutschland fließt – wie in keinem anderen Land – Musik so selbstverständlich wie Wasser und Strom, bis in den entlegensten Ort. Keine Kleinstadt ohne Konzertreihe, Konzerthaus, Orchester oder Musik(hoch)-schule. Der Bedarf an Pädagogen und Interpreten ist sehr groß und wird vielfach mit Künstlern aus Osteuropa gedeckt. Zugegeben: Es ist nicht glamourös, wenn eine junge Frau einst für die nächste Callas gehalten wurde und nun an einer Dorfmusikschule ihr Einkommen mit Gesangsstunden bestreiten muss; wenn ein junger Mann sich eine große Solistenkarriere versprach und nun ein Dasein als „Tuttischwein“ im Orchester fristet. "Kürbis van Beethoven", Anna-Sophie Jürgens Doch selbst, wenn man es auf die große Bühne geschafft hat, bleibt die bange Sorge: Wie schafft man es, jahrzehntelang im Gespräch zu bleiben, wie Anne-Sophie Mutter, die jetzt ihr 40. Jubiläum feiert? Oder Cecilia Bartoli, deren Koloraturen nicht mehr das sind, was sie einst waren, deren Name dennoch in aller Munde ist. „Um eine Karriere nachhaltig zu gestalten, ist es wichtig, sich immer wieder neu zu erfinden“, sagt Karin Heinrich, die langjährige Managerin und Beraterin von Roger Cicero. Dazu gehöre eine klare Haltung und Mut, „denn die Branche denkt gerne in Schubladen und lebt ganz gut davon, erfolgreiche Projekte so lange wie möglich zu kopieren.“ Weiterentwicklung sei das Zauberwort. „Sich treu bleiben, aber neue Projekte ausprobieren. Raus aus der Komfortzone!“ Möglichst also doch nicht alt werden?! Allgemein gilt für Stars ebenso wie für die anderen: In der Kunst des Rücktritts beweisen nur wenige die Kunstfertigkeit des Rennfahrers Nico Rosberg, der sich mit 31 Jahren, auf dem Höhepunkt einer Karriere, zurückzog. Mittelalterliche Potentaten wurden geköpft, erschlagen, vergiftet, Politiker abgewählt. Und der Künstler? Die meisten ergreift die Panik. Schließlich hat man alles eingesetzt, die Bühne wurde zur zweiten Natur. Es droht der Identitätsverlust. Viele hangeln sich von Abschiedstournee zu Abschiedstournee, schlüpfen in die Rolle des „elder statesman“ in Meisterkursen, ändern auch mal das Fach, wie der Tenor Plácido Domingo, der heute mit Bariton-Partien auftritt. Sänger werden zu Rezitatoren, Cellisten zu Dirigenten. José Carreras räumt in seltener Ehrlichkeit ein: „Langsam, langsam“ versuche er das zu beenden, „was ich 1970 angefangen habe.“ Langsam. Damit „es kein allzu großer Schock für mich“ wird. Doch irgendwann muss jeder gehen. Es sei denn, man stirbt im Bühnenkostüm wie Molière oder macht es wie Yehudi Menuhin. Als die Aura des Wunderkindes dahin war, schuf er sich eine neue: die des Heiligen, des Künstlers der Versöhnung. Oder Günter Wand, der nach Jahrzehnten als Lokalmatador in Köln mit 70 eine erstaunliche internationale CD-Karriere hinlegte. Nicht er habe eine Karriere verpasst, sondern der Musikbetrieb habe ihn verpasst, kommentierte er seinen späten Ruhm. Noch besser ergeht es Komponisten: Heinrich Schütz schrieb 86-jährig sein berühmtes „Magnifikat“, Johann Sebastian Bach wenige Jahre vor seinem Tod die „h-Moll-Messe“ und die „Kunst der Fuge“, Karlheinz Stockhausen am Tag vor seinem Tod ein Auftragswerk. „Forever young“ könnte man meinen. Je nach Interpretation. Teresa Pieschacón Raphael

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Originals and Beyond – Klaviertranskriptionen von Beethoven, Schönberg und Schumann

Der Musiklaie schiebt die Schuld schnell auf den Komponisten. Wohl deswegen finden sich so viele Vorurteile der Art Robert Schumann habe schlecht instrumentiert oder bei Gustav Mahlers Werken sehe man die Musik vor lauter Bombast nicht mehr. Beide Urteile sind grundweg falsch. Richtig ist aber, dass vor allem Schumann und Mahler – noch schlimmer dessen Nachfolger im Geiste wie etwa Schönberg oder Berg – häufig sehr schlecht interpretiert werden, von Orchestern und Dirigenten, denen es auf die innere Differenzierung eines Werks “nicht so anzukommen” scheint, die Effekt über Musikalität und Show über Einsicht stellen.






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